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Der lange Weg der Integration

Die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Strukturen Deutschlands haben sich durch die Integration der Vertriebenen geändert. Der Prozess der Eingliederung und der Auseinandersetzung damit verlief in Zyklen. In der unmittelbaren Nachkriegszeit standen Wohnungsnot und Arbeitskonkurrenz sowie Ablehnung und Fremdheit einer Annäherung an die neue Heimat im Weg. Ab den 1950er Jahren jedoch fungierte das gemeinsame Interesse von Einheimischen und Vertriebenen am Wiederaufbau als Beschleunigungsfaktor der Integration. Das "Wirtschaftswunder" im Westen ermöglichte materielle Gleichstellung und sozialen Aufstieg aus dem Nichts. Spätestens die zweite und dritte Generation der Vertriebenen ist in der deutschen Mittelstandsgesellschaft angekommen. 
Die politische Interessenvertretung der Vertriebenen spiegelt ebenfalls die Integrationsgeschichte wider. Vom Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte (1949-1969) über den BdV und seine Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" bis hin zur Etablierung der Bundesstiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" zeigen diese Institutionen einen Wandel durch die Jahrzehnte. 
In den 1950er und 1960er Jahren etablierte sich eine Erinnerungskultur der Vertriebenen mit einer öffentlichkeitswirksamen und flächendeckenden Veranstaltungslandschaft. Diese wurde seit den 1970er Jahren durch einen anhaltenden Prozess der Musealisierung ergänzt beziehungsweise abgelöst. Nach Empfinden vieler Vertriebener der ersten Generation sind sie äußerlich, das heißt gesellschaftlich und materiell in Deutschland "angekommen", aber innerlich, seelisch und mental ist ein Teil von ihnen noch immer auf dem Weg von Ost nach West, das traumatische Verlusterlebnis ist geblieben. Psychische Langzeitfolgen von Vertreibung und Gewalterfahrungen haben sich auch auf die zweite und dritte Generation übertragen.